Stimulanzien wie Methylphenidat oder Lisdexamfetamin gehören zu den am häufigsten eingesetzten Medikamenten bei ADHS. Lange Zeit ging man davon aus, dass sie die Aufmerksamkeit direkt verbessern. Eine grosse, Ende 2025 in der Fachzeitschrift Cell veröffentlichte Studie zeichnet jedoch ein anderes Bild und zeigt, dass ihre Wirkung vor allem über Wachheit und Motivation vermittelt wird.
Das bisherige Verständnis von Stimulanzien bei ADHS
Über Jahrzehnte galt es als selbstverständlich, dass diese ADHS-Medikamente gezielt jene Hirnnetzwerke stärken, die für Aufmerksamkeit und kognitive Kontrolle zuständig sind. Diese Vorstellung passte gut zu der Beobachtung, dass viele Betroffene unter der Medikation fokussierter und leistungsfähiger erscheinen. Entsprechend konzentrierte sich ein Grossteil der Forschung auf präfrontale Hirnregionen und klassische Aufmerksamkeitsnetzwerke.
Die neue Studie überprüft diese Annahme mit deutlich größerer Datenbasis und moderneren Analyseverfahren als frühere Arbeiten.
Was wurde in dieser Studie konkret untersucht?
Die Forschenden analysierten Ruhezustands-fMRT-Daten von fast 12.000 Kindern aus der ABCD-Studie (Adolescent Brain Cognitive Development Study). Ein Teil dieser Kinder hatte am Untersuchungstag ein Stimulans eingenommen. Zusätzlich wurden die Ergebnisse in einem präzise kontrollierten Experiment mit gesunden Erwachsenen überprüft, die sowohl mit als auch ohne Medikament wiederholt untersucht wurden.
Dieser Ansatz erlaubt es, grundlegende Veränderungen in der Organisation des Gehirns zu erfassen, ohne dass Unterschiede in Aufgabenleistung das Ergebnis verzerren.
Keine messbare Veränderung der Aufmerksamkeitsnetzwerke
Ein zentrales Resultat der Studie ist, dass sich die klassischen Netzwerke für Aufmerksamkeit und kognitive Kontrolle kaum verändern. Weder das dorsale noch das ventrale Aufmerksamkeitsnetzwerk zeigten relevante Effekte. Auch das frontoparietale Kontrollnetzwerk blieb unbeeinflusst.
Da die Studie ausreichend statistische Power hatte, um solche Effekte zu entdecken, ist dieses Ergebnis besonders aussagekräftig. Es spricht deutlich gegen die Annahme, dass die Medikamente Aufmerksamkeit im engeren Sinne steigern.
Deutliche Effekte auf Wachheit und Vigilanz
Die stärksten Veränderungen fanden sich in sensorisch-motorischen Hirnregionen, die eng mit dem allgemeinen Wachheitszustand verbunden sind. Diese Areale reagieren sensibel darauf, ob ein Mensch ausgeruht oder müde ist.
Bemerkenswert ist, dass das durch die Medikation ausgelöste Muster nahezu identisch mit dem Muster war, das bei Kindern mit ausreichend Schlaf beobachtet wurde. Die Medikamente versetzen das Gehirn kurzfristig in einen Zustand erhöhter Wachheit und Bereitschaft.
Stimulanzien steigern Motivation bei ADHS
Zusätzlich zeigten sich Veränderungen in Netzwerken, die für Motivation, Belohnung und die Bewertung von Aufgaben zuständig sind. Diese Systeme beeinflussen, wie wichtig oder lohnend uns eine Tätigkeit erscheint und ob wir bereit sind, Anstrengung dafür aufzubringen.
Wenn diese Netzwerke stärker aktiv sind, fühlen sich Aufgaben weniger unerquicklich an. Dadurch steigt die Bereitschaft, bei einer Sache zu bleiben. Dieser Effekt kann leicht als verbesserte Konzentration interpretiert werden, obwohl sich tatsächlich vor allem der Antrieb verändert.
Auswirkungen von Stimulanzien auf Leistung bei ADHS
Die Verhaltensdaten stützen diese Interpretation. Kinder mit ADHS zeigten unter Medikation bessere schulische Leistungen und schnellere Reaktionszeiten. Auch Kinder mit Schlafmangel profitierten deutlich.
Gut ausgeruhte Kinder ohne ADHS hingegen zeigten keine relevanten Leistungsgewinne. Weder ihre Aufmerksamkeit noch ihre kognitive Leistungsfähigkeit nahm messbar zu.
Quelle:
Stimulant medications affect arousal and reward, not attention networks: Cell
